Als erstes Unternehmen in Herne erprobt das Familienunternehmen seit einem halben Jahr ein präventives „Counseling“-Modell. Die positiven Erfahrungen veranlassen den Seniorchef nun zu einem besonderen Engagement.

Psychische Belastungen und anhaltender Stress gehören in der modernen Arbeitswelt von 2026 längst zum Alltag – doch professionelle Hilfe läuft oft erst dann an, wenn Mitarbeitende bereits arbeitsunfähig erkrankt sind. Genau in diese Versorgungslücke stößt ein neues, präventives Kooperationsmodell der Beratungsstelle für Paar- und Lebensberatung des Diakonischen Werkes Herne: das sogenannte „Counseling“.

Dabei handelt es sich um eine lösungsorientierte Beratung, die frühzeitig ansetzt, bevor aus alltäglicher Überlastung eine chronische Erkrankung entsteht. Das Herner Traditionsunternehmen Reifen Stiebling hat das Modell als regionaler Vorreiter über sechs Monate hinweg erfolgreich getestet. Die Resonanz ist so positiv, dass Seniorchef Christian Stiebling nun offiziell die Schirmherrschaft für das gesamte Projekt übernommen hat.

Schnelle Hilfe ohne Bürokratie und Wartezeiten

Das innovative Angebot der Diakonie wurde gezielt für die Bedürfnisse von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in der Region Herne und Castrop-Rauxel entwickelt. Im Zentrum steht ein bewusste Niedrigschwelligkeit, um bestehende Berührungsängste bei den Beschäftigten abzubauen:

  • Anonym und freiwillig: Die Privatsphäre bleibt absolut geschützt; der Arbeitgeber erfährt nicht, wer das Angebot nutzt.

  • Keine Wartezeiten: Im Gegensatz zu oft monatelangen Wartezeiten auf einen regulären Facharzt- oder Therapieplatz erhalten Betroffene hier sofortige Unterstützung.

  • Breites Themenspektrum: Die Beratung greift sowohl bei beruflicher Überlastung und Konflikten im Team als auch bei privaten Krisen, die in den Arbeitsalltag hineinwirken.

Die praktische Umsetzung erfolgt unkompliziert: Unternehmen vereinbaren vorab ein festes jährliches Zeitkontingent mit der Diakonie-Beratungsstelle, welches von den Mitarbeitenden bei akutem Bedarf flexibel und eigenständig abgerufen werden kann.

Brücke zwischen erster Belastung und chronischer Erkrankung

„Wir erleben in der Praxis immer wieder, dass Menschen erst dann Hilfe bekommen, wenn sie eigentlich schon nicht mehr arbeitsfähig sind“, berichtet Sabine Karkuth-Dohmeier, Diplom-Pädagogin, Supervisorin und Leiterin der diakonischen Beratungsstelle. „Counseling schließt genau die kritische Lücke zwischen dem Moment, in dem jemand merkt, dass etwas nicht stimmt, und dem Punkt, an dem eine handfeste Erkrankung entsteht. Es geht darum, Menschen in Not frühzeitig zu stabilisieren und ihnen neue Perspektiven aufzuzeigen.“

Wirtschaftliche Vernunft und soziale Fürsorge

Für den erfahrenen Familienunternehmer Christian Stiebling ist die dauerhafte Implementierung des Beratungsangebots sowohl eine Frage der menschlichen Fürsorge als auch der wirtschaftlichen Vernunft. Zu oft würden mentale Belastungen im Arbeitsleben immer noch verdrängt oder schlicht nicht ernst genommen.

„Wenn wir es schaffen, psychische Belastungen frühzeitig aufzufangen, verhindern wir lange krankheitsbedingte Ausfälle und tiefergehende chronische Probleme. Das ist für alle Seiten – für die Betroffenen wie für den Betrieb – ein echter Gewinn“, betont der Seniorchef.

In seiner neuen Funktion als offizieller Schirmherr möchte Christian Stiebling das Counseling-Projekt in den kommenden Monaten in der gesamten Region bekannter machen. Ziel ist es, weitere lokale Betriebe für das Thema mentale Gesundheit zu sensibilisieren und die präventive Beratung als festen Bestandteil moderner, nachhaltiger Personalstrategien im Ruhrgebiet zu etablieren. Die Diakonie-Beratungsstelle setzt darauf, dass sich nach den ersten messbaren Erfolgen rasch weitere Nachfolge-Betriebe dem Modell anschließen.