Gemeinsam mit dem LWL-Bildungszentrum Jugendhof Vlotho setzt die Einrichtung auf ein literaturpädagogisches Konzept, das Sprachbildung, Empathie und emotionale Selbstregulation fördert.

Ein ganz normaler Vormittag im Flur der Kindertageseinrichtung „Unser Fritz“ in Herne: Fünf Kinder sitzen gemütlich beisammen, blättern aufmerksam durch bunte Buchseiten und erzählen sich mit leuchtenden Augen gegenseitig, was auf den Illustrationen passiert. Mittendrin sitzt Kita-Fachkraft Ulrike Stapel, die Impulse gibt und die Kinder sanft in ein Gespräch über die Handlung verwickelt. Was spielerisch und unbeschwert wirkt, ist Teil eines fundierten pädagogischen Konzepts. Die Herner Einrichtung ist eine von mittlerweile 179 zertifizierten „Literaturkitas“ in Westfalen-Lippe, die vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) gezielt gefördert werden, um Sprache als Schlüssel zur Welt zu vermitteln.

Analoge Entdeckungen als Gegengewicht zu Social Media

In Zeiten einer zunehmenden Digitalisierung des Kinderalltags gewinnt das klassische Buch im frühkindlichen Bereich massiv an Bedeutung. „Durch Bücher die Welt zu entdecken, das können soziale Medien nicht auffangen“, betont Romy Blanke, Literaturkita-Beauftragte des LWL-Bildungszentrums Jugendhof Vlotho. Während digitale Reize oft zu einer passiven Berieselung führen, fordert und fördert das Zuhören bei einer analogen Geschichte die eigene Vorstellungskraft und die aktive Sprachfähigkeit der Kleinsten. Indem Kinder neue Wörter hören, über deren Bedeutung nachdenken und sie im Alltag anwenden, lernen sie Schritt für Schritt, sich selbst, ihre Gefühle und ihre Umwelt präzise zu beschreiben. Sprache ist und bleibt damit das wichtigste Fundament, um später erfolgreich an schulischer Bildung und am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.

Gleichzeitig teilen die Kinder beim gemeinsamen Betrachten oder Lauschen einer Geschichte ein kleines Abenteuer. Sie sprechen über das Gehörte, verarbeiten es im anschließenden Rollenspiel und schulen so ganz nebenbei ihre Empathie, indem sie sich in die Figuren hineinversetzen.

Toleranz und emotionale Stabilität im Fokus

Ein wesentlicher Kern des literaturpädagogischen Ansatzes in Herne ist es, den Kindern zu vermitteln, dass es nicht die eine richtige Interpretation gibt. „Jedes Kind ist anders. Jedes Kind liest Bücher anders oder verwendet Bücher anders und es ist alles nebeneinander richtig. Und jedes Kind erlebt sich dann als richtig“, erklärt Fachkraft Ulrike Stapel, die die Ausrichtung der Kita seit 2017 maßgeblich mitgestaltet [cite: „Denn jedes Kind ist anders. Jedes Kind liest Bücher anders oder verwendet Bücher anders und es ist alles nebeneinander richtig. Und jedes Kind erlebt sich dann als richtig.“ In der Kita „Unser Fritz“ werden Geschichten so vermittelt, dass sich jedes Kind in ihnen wiederfinden kann., Ulrike Stapel wirkt seit 2017 daran mit, die Kita literaturpädagogisch auszurichten.]. Geschichten bieten stets unterschiedliche Lösungswege für Probleme. Das hilft den Kindern, eigene Stärken und Interessen zu erkennen. Über die Bücher werden so auch hochkomplexe emotionale Themen wie Wut, Trauer oder Angst verständlich transportiert. Die Kinder lernen, Stimmungen bei ihren Spielkameraden zu entschlüsseln und die eigenen Emotionen klar zu benennen.

Zudem fungiert das Vorlesen in einer oft reizüberfluteten Umwelt als essenzieller, psychologischer Ruhepol. Christian Peitz, Leiter des LWL-Bildungszentrums Jugendhof Vlotho und Experte für frühkindliche Bildung, stellt fest, dass Gelegenheiten, in denen Ausdauer, Geduld und Konzentration aktiv eingeübt werden, im Familienalltag seltener geworden sind. Regelmäßiges Vorlesen schult genau diese kognitiven Fähigkeiten und dient Kindern nachweislich als verlässliche Struktur- und emotionale Regulationshilfe, um nach einem aufregenden Tag wieder zur Ruhe zu finden.

Das Zertifikat: Qualität durch ständige Fortbildung

Die alltagsintegrierte Sprachförderung ist in nordrhein-westfälischen Kitas gesetzlich verankert. Um das begehrte LWL-Zertifikat „Literaturkita“ tragen und behalten zu dürfen, das bereits seit 2012 vergeben wird, müssen sich die Teams vor Ort jedoch weit über das normale Maß hinaus engagieren.

Die Erzieherinnen und Erzieher der Kita „Unser Fritz“ reisen dafür regelmäßig zu spezialisierten Fortbildungen in das LWL-Bildungszentrum nach Vlotho. Dort erlernen sie stets neue, wissenschaftlich fundierte Erzähl- und Vermittlungstechniken, um jedes Kind – ganz gleich aus welchem familiären oder sprachlichen Herkunftsmilieu – individuell und bedürfnisorientiert auf dem Weg in die Bildungssprache zu begleiten.