Ein archäologisches Meisterwerk des Mittelalters zieht in die Dauerausstellung ein. Das prachtvoll verzierte Fundstück fasziniert Forscher und Kulturfans.

Ab sofort können Besucher im LWL-Museum für Archäologie und Kultur in Herne einen einzigartigen Fund aus der Region entdecken. Es handelt sich um das Fragment eines prachtvoll verzierten Kammes aus Elefantenelfenbein aus dem 12. Jahrhundert. Kim Wegener, Archäologe beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), war damals selbst der verantwortliche Grabungsleiter auf der geschichtsträchtigen Holsterburg bei Warburg im Kreis Höxter. Er war hautnah dabei, als das seltene Stück nach Jahrhunderten im Boden endlich aus der Erde geborgen wurde. Für den Experten ist dieser Fund ein absoluter Höhepunkt seiner bisherigen beruflichen Laufbahn.

Archäologische Funde im LWL Museum Herne begeistern die Region

So etwas passiert in einem Archäologen-Leben nur einmal – einfach ein geiles Teil. Mit diesen emotionalen Worten beschreibt Grabungsleiter Kim Wegener den Moment, als sein Grabungshelfer Michael Wetzel mit dem kleinen Fundstück auf ihn zukam. Der Helfer befürchtete zunächst, den 6,3 mal 7,1 Zentimeter großen Kamm bei der Bergung beschädigt zu haben. Seine Ängste waren völlig unbegründet, nichts war kaputtgegangen, vielmehr fehlten dem guten Stück schon ein paar Zacken, als es vor über 800 Jahren in der Erde verschwand. Die Experten sprechen hierbei von einem alt-gebrochenen Zustand, da im direkten Umfeld der Fundstelle keine weiteren Fragmente auftauchten.

Dem Archäologen kam aufgrund eines kurz zuvor gelesenen Fachartikels sofort das exklusive Material Elfenbein in den Sinn. Dieser Kamm ist etwas ganz Besonderes, eine herausragende Handwerkskunst – nicht nur wegen des Materials, sondern auch aufgrund des filigranen Musters. Auf der einen Seite jagt ein Hund einen Hasen, auf der anderen sind zwei Pfauen zu sehen. Solche Elfenbeinkämme, meist als liturgische Kämme bezeichnet, findet man in aller Regel nur in Kloster- und Kirchenschätzen. Dort werden sie oft mit Bischöfen, Heiligen oder Königen in Verbindung gebracht.

Mittelalterliche Handwerkskunst zieht Kulturfans nach Herne Horsthausen

Selten stößt man auf solche kostbaren Objekte direkt im staubigen Erdboden. Nach der Bergung wurde das sensible Stück sofort in die LWL-Restaurierungswerkstatt nach Münster gebracht. Dort hat die Restauratorin Ruth Tegethoff über viele Monate hinweg eine meisterhafte Konservierungsarbeit geleistet. Im weltweiten Austausch mit Fachleuten fand sie die ideale Methode, das äußerst sensible Material für die Nachwelt haltbar zu machen und kontrolliert zu trocknen. Unter dem Mikroskop hat man kürzlich sogar noch Reste von echtem Gold im Auge des Hasen und auf dem Griff oberhalb der Pfauen entdeckt.

Der Fundort selbst, die Holsterburg bei Warburg, ist für ganz Westfalen absolut einzigartig. In ganz Europa gibt es nur wenige achteckige Anlagen dieser Art und keine einzige so weit im Norden. Als Architektur von europäischem Rang ist schon allein diese Grundform als klares Statussymbol des Hochadels zu sehen. In die massive Ringmauer war darüber hinaus sogar eine moderne Warmluftheizung integriert. Zahlreiche Funde aus dem Alltagsleben unterstreichen den hohen Rang und den Status der damaligen Burgherren, namentlich der Edelherren von Holthusen.

Historische Ausstellungen im Ruhrgebiet zeigen das adelige Leben

Insgesamt vier edle Spielsteine bilden zudem ein greifbares Zeugnis damaliger adeliger Freizeitgestaltung im Burgenalltag. In dieses exklusive Bild passt auch der kostbare Elfenbeinkamm perfekt hinein. Die darauf detailreich abgebildete Jagdszene erinnert ebenfalls an ein beliebtes Hobby der Adeligen jener Epoche. Aufgrund seines Fundortes und der Motivik war er eindeutig für einen adeligen Käufer bestimmt und dürfte auch von diesem genutzt worden sein. Wo genau der Kamm hergestellt wurde, lässt sich derzeit allerdings noch nicht zweifelsfrei beantworten.

Nachdem der Elfenbeinkamm 2017 gefunden und aufwendig restauriert wurde, ging es für ihn auf Reisen. So war er in Sonderausstellungen in Berlin, Münster und Paderborn zu sehen und ist jetzt endlich dort, wo er hingehört, im Westfälischen Landesmuseum in Herne. Dort wird er auch in größerem Zusammenhang ab 2027 in einer Sonderausstellung über Burgen zu sehen sein. Eine öffentliche Führung durch die Dauerausstellung, zum Elfenbeinkamm und vielen weiteren herausragenden Funden aus Westfalen bietet das Museum jeden Sonntag um 13 Uhr an.