
LWL Museum für Archäologie
(c) Jenny Musall
Das LWL-Museum für Archäologie und Kultur lädt zu einer Vortragsreihe über Kannibalismus ein. Drei Referenten beleuchten Mythen, Popkultur und Psychologie.
Das LWL-Museum für Archäologie und Kultur in Herne widmet sich am Donnerstag, 15. Oktober, einem ungewöhnlichen und provokanten Thema. Ab 19 Uhr lädt die Kultureinrichtung zu einer kostenfreien Kurzvortragsreihe über das Phänomen des Kannibalismus ein. Drei Referierende beleuchten den Gegenstand aus historischer, medienwissenschaftlicher sowie psychologischer Perspektive und fragen nach den Ursachen der Faszination für das Tabu. Die Vortragsabfolge verbindet archäologische Forschung mit modernen Bildwelten und tiefenpsychologischen Betrachtungen. Interessierte können die Veranstaltung entweder direkt vor Ort im Museumssaal verfolgen oder kostenfrei im YouTube-Livestream teilnehmen.
Neandertaler-Mythen und Horrorfilme im medialen Fokus
Den Auftakt gestaltet die Historikerin und Museums-Guide Tabea Doll, die das Verhältnis zwischen Archäologie und Anthropophagie genauer untersucht. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Neandertaler tatsächlich Artgenossen verspeisten und wie entsprechende Vorwürfe historisch konstruiert wurden. Im Anschluss analysiert der Historiker, Medienwissenschaftler und Guide Kai G. Bernhardt die Mechanismen der modernen Popkultur unter dem Titel „Pop-Kultur, Medienwissenschaft & Kannibalismus“. Anhand von Filmproduktionen wie „Nackt und zerfleischt“ demonstriert er, wie das Horrorkino historisch tradierte Ängste, rassistische Stereotype und das Schreckensbild des „grausamen Kannibalen“ wirkungsvoll inszeniert.
Den Abschluss bildet der Beitrag des Schriftstellers, Psychologen und Psychotherapeuten Tom C. Winter über Psychologie und Kannibalismus. Während der Gedanke an den Verzehr von Menschenfleisch im Normalfall tiefe Abscheu hervorruft, existieren auch gegenteilige psychische Phänomene. Winter erläutert in diesem Zusammenhang die sogenannte „Vorarephilie“, die ein sexuell aufgeladenes Lustempfinden an der Fantasie des Verschlingens oder Verschlungenwerdens beschreibt. Der Vortrag schlägt somit den Bogen von evolutionären Extremen hin zu verborgenen Facetten der menschlichen Psyche. Nach den Beiträgen bietet die Reihe Raum, um die Faszination für das Motiv im gemeinsamen Diskurs kritisch einzuordnen.
